Betrachtet man die etwaigen Punktabstände eines Braillezeichens von etwa 0,23cm zu benachbarten Punkten, 0,43cm zwischen den einzelnen Zeichen und 0,56cm Zeilenabstand, ist die Frage berechtigt, wie man damit Grafiken drucken soll, weil alleine die Abstände für eine gewisse Symmetrieabweichung sorgen. Tatsächlich aber kann eine Punktschriftbogenmaschine für große Kreativität sorgen, auch hat man gelegentlich mit Zeichen einen Rahmen um einen Ausdruck bilden können. Denkt man zurück an die ASCII- und ANSI-Zeichen, hat man ähnliche Gebilde auch mit Zeichen am Computer für sehende Nutzer entworfen. Jedoch mit dem Unterschied, dass grafische Benutzeroberflächen und Emojis diesen Trend ablösten. Die Blindenschrift hat sich jedoch nicht verändert, so dass es Punktschriftbogenmaschinen gibt, bei denen sich der Abstand zwischen den Zeichen reduzieren lässt und die Punkte eine Matrix bilden. Gewöhnliche, als grafikfähig beworbene Brailledrucker arbeiten nach diesem Prinzip und lassen die Drucknadeln zusammen rücken. Damit ist aber weder eine hohe Auflösung möglich, noch eine unterschiedliche Stärke der Punkte, es ist also eher Semigrafik.

Bevor wir nun auf den echten Grafikdruck eingehen, lassen Sie uns zum besseren Verständnis zunächst die Braillepunkte betrachten. Trotz dass die Abstände zwischen den Punkten im Prinzip fast immer gleich ist, gibt es dennoch größere Abweichungen. Das japanische Microbraille arbeitet mit feineren Punkten und noch geringeren Abständen, Jumbobraille hingegen besteht aus dickeren Punkten und größeren Abständen. Späterblindeten und motorisch eingeschränkten Menschen wird dadurch das Ertasten der Punkte erleichtert. Unabhängig ist auch die Frage wichtig, wie die Punkte beschaffen sind, eher dick oder dünn, rund oder spitz. Je nach Schreibgerät und Papier ist das eine Wissenschaft für sich, wobei die Punkte in für gewöhnlich schwerem Braillepapier besser halten. Bei Druckern ist wichtig, dass die Prägekraft auf das jeweilige Papier richtig angepasst ist. Zu schwacher Druck lässt Punkte mitunter schnell verblassen, zu starker Druck prägt die Punkte durch und sie können ausfransen oder das Papier wird gar zerrissen.

Um Grafiken in hoher Auflösung drucken zu können, bedarf es also einer anderen Technologie. ViewPlus ist als einziger Hersteller weltweit in der Lage, eine Lösung anzubieten und liefert Drucker mit sehr feinen Nadeln, die sowohl eine hohe Druckauflösung bieten können, trotzdem aber auch Brailleschrift gut darstellen. Damit nicht genug, denn sie drucken sowohl Microbraille, als auch Jumbobraille und sind dadurch besonders flexibel. Um jedoch tatsächlich Grafiken ausdrucken zu können, verfolgt ViewPlus einen anderen Ansatz. Die Drucker können im klassischen Modus, ähnlich wie gewöhnliche Brailledrucker, Texte annehmen und in zugeordneten Braillezeichen drucken. Unter Windows werden sie aber als GDI+-Drucker eingebunden und können, wie herkömmliche Drucker auch, einfache Bilddateien ausdrucken, die allerdings auf die tatsächliche Druckauflösung skaliert werden. So liefern die Modelle Columbia und Delta mit 100dpi ein Drittel der Qualität eines älteren Bürolaserdruckers und das in sieben Graustufen, wobei "weiß", also kein Punkt", der achte Wert darstellt. Druckt man beispielsweise eine Webseite aus, wird man die Struktur und Grafiken ertasten können, die Schriftart ist jedoch zu klein, um sie zu erfühlen. Bei größeren Schriftarten wären diese allerdings tastbar und werden so dargestellt, wie sie auf dem Bildschirm zu sehen sind.

Durch die geringe Auflösung ist klar, dass man ein gewöhnliches Foto nicht in brauchbarer Qualität drucken kann. Selbst Tabellen oder Zeichnungen werden in den seltensten Fällen ohne Nachbearbeitung gut zu ertasten sein. Mit dem Tiger Designer allerdings lassen sich sämtliche Grafiken laden und nachbearbeiten. Damit ist es sowohl möglich, Beschriftung in Blindenschrift anzubringen, als auch Kontraste und Struktur zu verändern. Überflüssige Informationen können entfernt werden, auch lassen sich die Grafiken durch Elemente erweitern. Auf diese Weise ist es möglich, einen vorhandenen Gebäudeplan taktil auszuarbeiten und kritische Bereiche durch zusätzliche Symbole zu markieren. Warum gerade das für die Inklusion sehr spannend ist, lesen Sie auf der nächsten Seite.